Überblick
KI-Systeme im Gesundheitswesen versprechen bessere Diagnosen, effizientere Abläufe und neue medizinische Erkenntnisse. Gleichzeitig zählt der Gesundheitsbereich zu den am stärksten regulierten Einsatzfeldern: Gesundheitsdaten sind nach Art. 9 DSGVO besonders geschützt, und viele medizinische KI-Anwendungen fallen unter den EU AI Act als Hochrisiko-Systeme.
Hinzu kommt ein weiterer Regulierungsrahmen: Je nach Einsatz kann eine KI-Anwendung auch als Medizinprodukt gelten und damit unter die Medical Device Regulation (MDR) oder In-vitro Diagnostic Regulation (IVDR) fallen.
Dieser Beitrag erläutert:
- Datenschutzanforderungen bei Gesundheitsdaten
- Typische DSFA-Auslöser bei medizinischer KI
- AI-Act-Einstufung und Pflichten
- Schnittstellen zu MDR/IVDR
- Praktische Handlungsschritte für Projekte
1️⃣ Datenschutz: Gesundheitsdaten als besondere Kategorie (Art. 9 DSGVO)
Was zählt als Gesundheitsdatum?
Gesundheitsdaten umfassen u. a.:
- Diagnosen, Befunde, Laborwerte
- Medikationspläne
- Behandlungsverläufe
- Daten aus Wearables (z. B. Herzfrequenz), sofern Gesundheitsbezug besteht
- Patient:innenidentifikationen in klinischem Kontext
Als besondere Kategorie gilt grundsätzlich ein Verarbeitungsverbot – außer es greift eine Ausnahme nach Art. 9 Abs. 2 DSGVO.
Hoher Schutzstandard
Gesundheitsdaten sind besonders sensibel. Schon kleine Governance-Fehler können hohe Risiken auslösen.
Häufige Ausnahmen im Gesundheitskontext
- Art. 9 Abs. 2 lit. h: Gesundheitsversorgung / Behandlung
- Art. 9 Abs. 2 lit. i: Öffentliches Interesse im Bereich der öffentlichen Gesundheit
- Art. 9 Abs. 2 lit. j: Wissenschaftliche Forschung (unter zusätzlichen Voraussetzungen)
- Ausdrückliche Einwilligung (lit. a) – in der Praxis oft schwierig, da Widerruf und Zweckbindung komplex sind
2️⃣ Typische KI-Anwendungsfälle im Gesundheitswesen
Klinische Entscheidungsunterstützung (CDSS)
- Vorschläge zu Diagnosen oder Therapien
- Risiko: Übervertrauen in KI, Bias, fehlende Nachvollziehbarkeit
KI-gestützte Bildgebung
- Radiologie, Pathologie, Dermatologie
- Risiko: Fehlklassifikationen, Datendrift, Bias durch Trainingsdaten
Operational AI (Krankenhausprozesse)
- Kapazitätsplanung, Patient:innenfluss, Ressourcenoptimierung
- Risiko: indirekte Auswirkungen auf Behandlung, Priorisierung
Drug Discovery & Forschung
- Mustererkennung in Daten, Wirkstoffscreening
- Risiko: Zweckänderung, Datenschnittstellen, Anonymisierungsfragen
3️⃣ DSFA: Warum sie im Gesundheitswesen fast immer relevant ist (Art. 35 DSGVO)
Eine DSFA ist häufig erforderlich, weil:
- besondere Kategorien verarbeitet werden (Art. 9)
- großflächige Verarbeitung medizinischer Daten möglich ist
- Profiling und Scoring im klinischen Kontext stattfinden kann
- Betroffene potenziell erheblich betroffen sind
Typische DSFA-Risiken bei medizinischer KI:
- Bias / systematische Benachteiligung bestimmter Gruppen
- Intransparenz (Black-Box-Modelle)
- Fehlentscheidungen mit Gesundheitsfolgen
- Kontrollverlust bei automatisierten Workflows
- Drittlandtransfer bei Cloud-Services
Praktische Faustregel
Wenn KI-Output medizinische Entscheidungen beeinflusst oder Gesundheitsdaten in großem Umfang verarbeitet werden, ist eine DSFA sehr wahrscheinlich erforderlich.
4️⃣ EU AI Act: Hochrisiko-Einstufung im Gesundheitsbereich
Viele medizinische KI-Systeme gelten als Hochrisiko, insbesondere wenn sie:
- Diagnosen unterstützen oder beeinflussen
- Behandlungspriorisierungen vornehmen
- Patient:innenrisiken bewerten
- in klinische Entscheidungen eingreifen
Je nach System kann die Einstufung erfolgen über:
- Anhang III (z. B. Systeme mit erheblicher Grundrechtsrelevanz)
- oder als Sicherheitskomponente eines Produkts
Typische Hochrisiko-Pflichten (vereinfacht)
- Risikomanagementsystem
- Daten-Governance
- Technische Dokumentation
- Logging
- Transparenz
- Menschliche Aufsicht
- Genauigkeit, Robustheit, Cybersicherheit
- Konformitätsbewertung und ggf. CE-Kennzeichnung
5️⃣ MDR/IVDR: Wann wird KI zum Medizinprodukt?
Ob eine KI ein Medizinprodukt ist, hängt nicht von der Technologie, sondern von:
- Zweckbestimmung
- medizinischer Funktion
- Einsatz im klinischen Kontext
ab.
Beispiele, die häufig Medizinprodukt-Charakter haben:
- Diagnoseunterstützung
- Therapieempfehlungen
- klinische Entscheidungsassistenz
Beispiele, die nicht zwingend Medizinprodukt sind:
- rein administrative Prozessoptimierung
- generische Textassistenz ohne medizinische Zweckbestimmung
Schnittstellen-Realität
Viele Gesundheits-KI-Systeme liegen in einer Überschneidungszone: DSGVO + EU AI Act + MDR/IVDR. Ein integrierter Compliance-Ansatz ist sinnvoller als Einzelprüfungen.
6️⃣ Praktische Umsetzung: Checkliste für KI-Projekte im Gesundheitswesen
A) Scope und Zweckbestimmung klären
- Was ist der medizinische Zweck?
- Beeinflusst KI klinische Entscheidungen direkt oder indirekt?
- Handelt es sich um ein Medizinprodukt (MDR/IVDR-Relevanz)?
B) Datenschutzfundament legen
- Datenkategorien klassifizieren (Art. 9?)
- Rechtsgrundlage + Art.-9-Ausnahme festlegen
- Transparenzpflichten (Art. 13/14) definieren
- Speicher- und Löschkonzept festlegen
C) Risiko- und Qualitätsprozesse integrieren
- DSFA-Screening durchführen → DSFA erstellen, wenn erforderlich
- Bias- und Robustheitstests planen
- Human Oversight definieren (wer darf überstimmen?)
- Logging und Monitoring implementieren
D) Technische und organisatorische Maßnahmen (TOMs)
- Zugriffskontrollen (rollenbasiert)
- Verschlüsselung (at rest / in transit)
- Pseudonymisierung / Datenminimierung
- Incident-Response-Prozess definieren
7️⃣ Häufige Fehlerquellen
| Fehler | Warum kritisch |
|---|---|
| Unklare Zweckbestimmung | MDR/IVDR- und AI-Act-Risiko |
| Trainingsdaten ohne Bias-Analyse | Diskriminierungs- und Haftungsrisiko |
| Cloud/LLM ohne Transferprüfung | Drittlandtransfer-Verstoß |
| Keine DSFA | Hoher DSGVO-Risikoindikator |
| Fehlendes Monitoring nach Go-Live | Sicherheits- und Qualitätsrisiko |
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Nächste Schritte
- Klären Sie Zweckbestimmung und Produktkategorie (inkl. MDR/IVDR-Prüfung).
- Definieren Sie Rechtsgrundlage + Art.-9-Ausnahme für Gesundheitsdaten.
- Führen Sie ein DSFA-Screening durch und erstellen Sie eine DSFA, falls erforderlich.
- Prüfen Sie AI-Act-Hochrisiko-Einstufung und starten Sie Dokumentation und Risikomanagement.
- Validieren Sie Ihr Vorgehen mit qualifizierten Expert:innen unter /experts.
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