Überblick
Art. 5 DSGVO enthält das Fundament des europäischen Datenschutzrechts. Die dort normierten sieben Grundsätze gelten für jede Verarbeitung personenbezogener Daten – unabhängig davon, ob klassische IT-Systeme oder moderne KI-Systeme eingesetzt werden.
Gerade im Kontext von Künstlicher Intelligenz gewinnen diese Grundsätze besondere Bedeutung. Trainingsdaten, Modellverbesserung, automatisierte Entscheidungen und algorithmische Bewertungen werfen neue Fragen zur Zweckbindung, Datenminimierung und Rechenschaftspflicht auf.
Dieser Beitrag erläutert:
- Alle sieben Grundsätze im Detail
- Ihre praktische Bedeutung im KI-Kontext
- Typische Spannungsfelder (z. B. ML-Training vs. Datenminimierung)
- Konkrete Umsetzungsschritte für Unternehmen
Die sieben Grundsätze nach Art. 5 DSGVO
Art. 5 Abs. 1 DSGVO definiert:
- Rechtmäßigkeit, Verarbeitung nach Treu und Glauben, Transparenz
- Zweckbindung
- Datenminimierung
- Richtigkeit
- Speicherbegrenzung
- Integrität und Vertraulichkeit
- Rechenschaftspflicht (Art. 5 Abs. 2)
Zentraler Punkt
Art. 5 DSGVO ist keine bloße Leitlinie, sondern unmittelbar geltendes Recht mit Bußgeldrelevanz.
Rechtmäßigkeit, Treu und Glauben, Transparenz
Inhalt
Personenbezogene Daten dürfen nur verarbeitet werden:
- auf einer gültigen Rechtsgrundlage (Art. 6 DSGVO)
- fair und nachvollziehbar
- transparent gegenüber der betroffenen Person
KI-spezifische Herausforderungen
- Intransparente Modellarchitekturen
- Unklare Datenquellen (z. B. Web-Scraping)
- Undurchsichtige Entscheidungslogik
Transparenz bedeutet nicht Offenlegung des Quellcodes, sondern:
- verständliche Information über Zweck und Funktionsweise
- nachvollziehbare Beschreibung der Entscheidungslogik
Zweckbindung
Inhalt
Daten dürfen nur:
- für festgelegte, eindeutige und legitime Zwecke erhoben
- und nicht in unvereinbarer Weise weiterverarbeitet werden
Spannungsfeld im KI-Kontext
Maschinelles Lernen lebt von:
- Datenaggregation
- späterer Zweckänderung
- Re-Training
Beispiel: Daten werden zur Vertragserfüllung erhoben — später für Modelltraining genutzt.
Hier stellt sich die Frage:
- Ist das Training vom ursprünglichen Zweck gedeckt?
- Liegt eine Zweckänderung vor?
- Ist eine neue Rechtsgrundlage erforderlich?
Typischer Fehler
Viele Unternehmen dokumentieren den Trainingszweck nicht explizit – das kann gegen die Zweckbindung verstoßen.
Datenminimierung
Inhalt
Es dürfen nur Daten verarbeitet werden, die:
- dem Zweck angemessen
- erheblich
- und auf das notwendige Maß beschränkt sind
Konflikt mit Machine Learning
ML-Modelle profitieren häufig von:
- großen Datenmengen
- breiter Datenvielfalt
- langfristiger Datenspeicherung
Hier entsteht ein Spannungsfeld:
| ML-Logik | Datenschutzprinzip |
|---|---|
| Mehr Daten = bessere Modelle | Nur notwendige Daten verarbeiten |
Lösungsansätze:
- Feature-Selektion
- Pseudonymisierung
- Federated Learning
- Differential Privacy
Richtigkeit
Inhalt
Daten müssen:
- sachlich richtig
- aktuell
- erforderlichenfalls berichtigt oder gelöscht werden
KI-spezifische Problematik
- Trainingsdaten enthalten Fehler
- Modelle reproduzieren veraltete Informationen
- Generative KI kann falsche Inhalte erzeugen
Relevante Fragen:
- Wie werden Trainingsdaten validiert?
- Wie werden fehlerhafte Daten korrigiert?
- Wie werden Modell-Bias-Risiken adressiert?
Speicherbegrenzung
Inhalt
Daten dürfen nur so lange gespeichert werden, wie es für den Zweck erforderlich ist.
Herausforderung bei KI
- Trainingsdaten werden oft langfristig gespeichert
- Modelle enthalten implizite Datenrepräsentationen
Offene Frage: Wann gilt ein Modell als „Speicherung personenbezogener Daten"?
Hier ist eine differenzierte Einzelfallprüfung erforderlich.
Integrität und Vertraulichkeit
Inhalt
Geeignete technische und organisatorische Maßnahmen (TOMs) sind erforderlich, um:
- unbefugten Zugriff zu verhindern
- Datenverlust zu vermeiden
- Manipulation zu verhindern
Im KI-Kontext relevant:
- API-Sicherheit
- Zugriffskontrollen
- Modell-Schutz vor Prompt Injection
- Logging und Monitoring
Rechenschaftspflicht
Inhalt
Der Verantwortliche muss:
- die Einhaltung aller Grundsätze nachweisen können
Dies ist der zentrale Compliance-Mechanismus der DSGVO.
Beweislast
Nicht die Behörde muss den Verstoß beweisen – das Unternehmen muss die Einhaltung belegen können.
Rechenschaftspflicht bei KI-Systemen
Erforderlich sind u. a.:
- Verarbeitungsverzeichnis
- Dokumentation der Rechtsgrundlage
- Risikoanalyse
- ggf. Datenschutz-Folgenabschätzung
- Trainingsdaten-Dokumentation
- Governance-Prozesse
Hier überschneidet sich die DSGVO mit dem EU AI Act.
Verbindung zum EU AI Act
| DSGVO | EU AI Act |
|---|---|
| Datenschutz | Grundrechtsschutz |
| Rechenschaftspflicht | Risikomanagement |
| DSFA | Grundrechte-Folgenabschätzung |
| Transparenz | Transparenzpflichten |
Beide Rechtsakte gelten parallel.
Praktische Umsetzung für Unternehmen
Schritt 1 – Dateninventur
- Welche personenbezogenen Daten werden verarbeitet?
- Woher stammen sie?
- Für welchen Zweck?
Schritt 2 – Zweckdefinition
- Ist der Trainingszweck dokumentiert?
- Ist er mit dem ursprünglichen Erhebungszweck vereinbar?
Schritt 3 – Minimierungsstrategie
- Können Daten reduziert werden?
- Sind Anonymisierung oder Pseudonymisierung möglich?
Schritt 4 – Governance
- Zuständigkeiten klar definiert?
- Dokumentationspflichten erfüllt?
- Rechenschaftsfähige Prozesse implementiert?
Hilfe bei der Umsetzung?
Arbeiten Sie mit Creativate AI Studio zusammen, um KI-Systeme zu entwerfen, zu validieren und zu implementieren — technisch fundiert, regelkonform und produktionsbereit.
Rechtliche Klarheit gefragt?
Für spezifische Rechtsfragen zum AI Act und zur DSGVO steht Ihnen spezialisierte Rechtsberatung mit Fokus auf KI-Regulierung, Datenschutz und Compliance-Strukturen zur Verfuegung.
Unabhaengige Rechtsberatung. Keine automatisierte Rechtsauskunft. Die Plattform ai-playbook.eu bietet keine Rechtsberatung.
Nächste Schritte
- Prüfen Sie Ihre KI-Projekte anhand der sieben Grundsätze.
- Dokumentieren Sie Zweck und Rechtsgrundlage explizit.
- Bewerten Sie Datenminimierungs- und Speicherstrategien.
- Implementieren Sie nachvollziehbare Governance-Strukturen.
- Führen Sie bei erhöhtem Risiko eine DSFA durch.
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